Pressemitteilung: Landes-ASten-Treffen NRW kritisiert geplante Wiedereinführung der Anwesenheitspflicht

Die NRW Landesregierung um die Ministerin für Kultur und Wissenschaft Isabell Pfeiffer-Poensgen plant laut ihrem Bericht zu den wissenschaftspolitischen Schwerpunkten der neuen Landesregierung im Wissenschaftsausschuss das “starre Verbot von Anwesenheitspflichten in klassischen Seminaren” abzuschaffen. Einhergehen soll dieses Ziel mit einer Novellierung des Hochschulgesetzes, um “zentralistische Instrumente sowie bürokratische Vorgaben” abzuschaffen. Im Hochschulzukunftsgesetz wurde die Anwesenheitspflicht 2014 neu geregelt.

„Die neue Landesregierung verkennt, dass es sich bei einem Studium um Erwachsenenbildung handelt. Die Verschulung des Studiums durch die Bachelor – und Masterstudiengänge wird durch die Wiedereinführung von Anwesenheitspflichten erneut verstärkt“, so Michael Schema, Koordinator des Landes-ASten-Treffens Nordrhein-Westfalen (LAT NRW). „Die Frage der Studienfinanzierung, etwaige Nebenjobs und die ohnehin gestiegenen zeitlichen Belastungen im Studium würden die oftmals bereits vorhandenen Existenzängste von einem Großteil der Studierenden zur Folge haben und dem Ziel der Reduzierung der Studienabbrecherquoten einen Bärendienst erwiesen.“

Katrin Lögering, ebenfalls Landes-ASten-Koordinatorin NRW, kritisiert: “Wir stellen uns vorrangig die Frage, wie das durchaus erstrebenswerte Ziel der Abschaffung zentralistischer Instrumente und bürokratischer Vorhaben mit einer Wiedereinführung von Anwesenheitspflichten einhergehen soll. Das Hochschulgesetz lässt auch derzeit schon zu, bei Exkursionen, Sprachkursen, Praktika, praktischen Übungen oder sogenannten ‚vergleichbaren Lehrveranstaltungen‘ die Anwesenheit vorauszusetzen (HG §64 Absatz 2a). Momentan ist allerdings der oder die Dozierende in der Pflicht zu beweisen, warum eine Anwesenheitspflicht als sinnvoll erachtet wird. Alle Fälle, in denen Anwesenheitspflichten gut begründet erscheinen, sind mit dieser Regelung eigentlich abgedeckt.”

Anwesenheitspflichten sollen in erster Linie vom grundsätzlichen Problem, warum Hörsäle leer bleiben ablenken: Die Lehre ist manchmal lieblos gestaltet und Dozierende verwenden seit Jahrzehnten die immer selben Foliensätze oder lesen schlicht und einfach aus Büchern vor.
Simon Paul aus dem Vorstand des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) an der Ruhr-Universität Bochum erklärt dazu: “Lehrveranstaltungen, in denen man erkennt, dass die Dozierenden viel Engagement und Kreativität in ihren Lehrstil legen und didaktische Weiterbildungen nicht scheuen, werden auch ohne allgemeine Anwesenheitspflichten besucht. Die Anwesenheit als Voraussetzung für die Studierenden ist nur dann sinnvoll, wenn diese einen wirklichen Mehrwert bringt. Gerade unter dem Gesichtspunkt der geplanten Bereicherung der Präsenzlehre mit neuen digitalen Formaten sollte dies nachvollziehbar sein.”

Durch Anwesenheitspflichten werden die Studienbedingungen nicht verbessert. Die Gefahr ist, dass künftig wieder Credit Points nur aufgrund von Anwesenheit vergeben werden. Ob die Kompetenzziele der Veranstaltungen erreicht wurden, sollte besser durch die richtig gewählte Prüfungsform überprüft werden. Stehen der wissenschaftliche Diskurs oder das Referieren vor einem wissenschaftlichen Fachpublikum im Vordergrund einer Veranstaltung, so kann die Anwesenheit auch mit den heutigen Regelungen schon Voraussetzung sein. Geht es aber alleinig um die Inhalte, sollte man doch eher auf die Eigenverantwortlichkeit der Studierenden setzen, anstatt erzieherisch tätig zu werden. Ein freies und selbstbestimmtes Studium sollte das Recht der Studierenden sein.

Marcus Lamprecht, AStA-Vorsitzender der Universität Duisburg-Essen, ergänzt: “Wenn das Engagement, das Dozierende verfolgen, um Anwesenheitspflichten wieder einzuführen in umfassend gute Lehre fließen würde, wären die Hörsääle auch bei einer Lösung auf freiwilliger Basis bis auf den letzten Stuhl besetzt.“

Darüber hinaus stellen sich die ASten in NRW die Frage, wer nun genau über die Anwesenheit entscheiden soll. Wir sprechen uns klar dagegen aus, dass die Universitätsleitungen autonom dürfen. Wenn überhaupt sollten Studiereden und Lehrende im Diskurs, auf Augenhöhe und konsensbasiert für jede Veranstaltung eine indviduelle Lösung finden. Unsere Universitäten, die sich als Gemeinschaft aus Lehrenden und Lernenden verstehen, sollten im Sinne eines wissenschaftlichen Diskurses die Meinungen der Studierenden ernst nehmen.

Da trotz Verbot und der Vielzahl an Argumenten Anwesenheitspflichten auch heute noch alltäglich an den Universitäten sind, halten die ASten des Landes NRW den Paragraphen 64 Absatz 2 aus dem Hochschulgesetz für besonders bedeutsam. Dieser stellt auch jetzt schon einen Kompromiss aus den Positionen pro und contra Anwesenheitspflichten dar.
Das LAT NRW appelliert an die Landesregierung, diese voreiligen Vorhaben zu überdenken und noch einmal mit den Hochschulen und Studierendenvertretungen – also der Betroffenengruppe – eine für alle gangbare Lösung an den Universitäten zu gestalten.

Kontakt für Rückfragen:
Landes-ASten-Treffen NRW (LAT NRW)
http://latnrw.de
LAT-Koordination: Koordination@LATNRW.de
Katrin Lögering (Bochum) Tel. 0151-28799009
Michael Schema (Köln) Tel. 01577-9790661
Das Landes-ASten-Treffen (LAT) NRW ist die freiwillige Zusammenkunft der ASten und hochschulweiten Studierendenvertretungen in Nordrhein-Westfalen und ist die einzige legitimierte landesweite Interessenvertretung der Studierendenschaften und Studierendenvertretungen. Das LAT vertritt die Interessen der Studierendenschaften gegenüber der Öffentlichkeit, politischen Akteur*innen sowie weiteren Organisationen und Bündispartner*innen. Alle Positionen, Stellungnahmen oder Beschlüsse werden von den ASten nach dem Konsensprinzip gefasst.

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