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Bildungsungerechtigkeit per Gesetz? Über 60 Prozent der Studierenden in NRW im Dauerspagat zwischen Hörsaal und Existenzkampf

Dortmund, 9.Juni 2026 – Die anhaltende Blockade der geplanten BAföG-Reform sorgt auch an den Hochschulen in NRW für massive Kritik. Angesichts aktueller Zahlen, nach denen mittlerweile rund 65 Prozent der Studierenden im Land nebenbei arbeiten müssen, während die BAföG-Quote auf einen historischen Tiefstand von nur noch 11,5 Prozent eingebrochen ist, warntJonas Frechen Vorsitzender des AStA der DSHS Kölnvor einem strukturellen Versagen der staatlichen Studienfinanzierung. Die Behauptung aus dem Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, ein Studium dürfe kein „Vollkaskoprogramm“ sein, entpuppt sich angesichts der realen Daten als blanker Zynismus.

Die Wohn- und Inflationsfalle: Jobben aus nackter Notwendigkeit

Erwerbsarbeit ist für die große Mehrheit längst keine freiwillige Ergänzung für mehr Luxus mehr, sondern eine finanzielle Notwendigkeit, um Miete und Essen zu bezahlen. Nach Daten des Moses-Mendelssohn-Instituts von 2026 kostet ein durchschnittliches WG-Zimmer in NRW mittlerweile 485 Euro im Monat. In den großen Hochschulstädten wie Köln (620 Euro), Düsseldorf (630 Euro) oder Bonn (510 Euro) brennt die Hütte lichterloh. Demgegenüber steht eine völlig veraltete BAföG-Wohnkostenpauschale von gerade einmal 380 Euro.

“Wenn die Wahl des Hochschulstandortes von einer Forschungsministerin als politische Verhandlungsmasse genutzt wird, ist klar, welch ein sozialpolitisches Verständnis zur Chancengerechtigkeit im Ministerium aktuell gelebt wird.” warnt Destina Kolac, Vorsitzende des AStA der RWTH Aachen

Gleichzeitig bricht der Campus als sicherer Hafen für eine günstige Verpflegung weg: Die anhaltende Inflation hat zu spürbar steigenden Mensapreisen geführt, während die Studierendenwerke ihre Öffnungszeiten aus Kostengründen massiv einschränken mussten.

15 Stunden Arbeit neben dem Vollzeitstudium? Chronische Überlastung ist die Folge!

„Wenn Studierende laut der jüngsten Sozialerhebung des BMFTR selbst mittlerweile im Schnitt 15 Stunden pro Woche nebenbei arbeiten, reden wir hier über eine permanente 55-Stunden-Woche. Das ist weder gesund, noch privilegiert“, erklärt Nils Lange, Vorstandsmitglied des Landes-Asten-Treffen NRW

Erschwert wird dieser Dauerspagat durch die extreme Verschulung der Bachelor- und Masterstrukturen. Starre Modulpläne, das Fehlen von zweiten Prüfungsterminen im selben Semester und Pflichtkurse, die oft nur einmal im Jahr angeboten werden, nehmen jede Flexibilität. Wer wegen einer unaufschiebbaren Schicht im Job eine Veranstaltung verpasst, kann sofort ein ganzes Jahr verlieren. Besonders hart trifft dies Erstakademiker*innen ohne finanzielles Polster sowie Studierende, die zusätzlich Care-Arbeit für Kinder oder zu pflegende Angehörige leisten.

Forderung: BAföG-Reform ist keine soziale Wohltat, sondern Pflicht

Das LAT NRW fordert die Politik auf, die künstliche Blockadehaltung aufzugeben und die versprochene Reform endlich Realität werden zu lassen. Nötig sind eine drastische Anhebung der Wohnpauschale auf das reale Mietniveau von 2026 sowie eine dynamische Anpassung der Freibeträge an die Inflation, damit das BAföG wieder in der Breite der Gesellschaft ankommt. 

Das Vertrauen der Studierenden in die Bundespolitik hat einen historischen Tiefpunkt erreicht. 

“Über 6 Monate auf die Bewilligung eines Antrages zu warten um anschließend nicht genügend Geld zum Überleben zu haben ist kein Privileg. Junge Menschen haben keine Hoffnung in die Union, trotzdem schafft diese es uns erneut zu enttäuschen” erklärt Marco Kolarevic Student der HS Bielefeld

Das BAföG war über Jahrzehnte das stolze Versprechen der Bundesrepublik auf gesellschaftliche Emanzipation und somit der sprichwörtliche “Studienermöglicher” für Kinder aus Arbeiterfamilien und finanzschwachen Haushalten. Dieses Versprechen wird gerade endgültig beerdigt. Wenn der Grundbedarf und die Wohnkostenpauschale künstlich unterhalb der realen Armutsgrenze eingefroren werden, entscheidet in NRW wieder das Portemonnaie der Eltern über den Bildungsweg.

Gerade in einem Bundesland mit großen strukturellen Umbrüchen wie Nordrhein-Westfalen ist Bildungsgerechtigkeit der Schlüssel für gesellschaftlichen Zusammenhalt und zukunftsorientierten Handeln. Die aktuelle Sparpolitik der Union zementiert soziale Ungleichheit und nimmt einer ganzen Generation die Chance auf Demokratisierung von Bildung.

„Das BAföG ist kein Luxusgut. Wer beim BAföG spart, spart bei der Zukunft. Wir fordern Verlässlichkeit statt taktischer Spielchen: Der Finanzierungsvorbehalt muss fallen, und die Erhöhung an das Grundsicherungsniveau muss ohne Wenn und Aber kommen. Wenn die Koalition hier einknickt, riskiert sie sehenden Auges den Bildungskollaps an unseren Hochschulen“, Sarah Jovic, Vorstandsmitglied des Landes-Asten-Treffen NRW